So nutzen Politiker Twitter

Zuweilen war es ja ganz schön amüsant, im zurückliegenden Superwahljahr 2009 Politikern dabei zuzusehen, wie sie ihre ersten, unsicheren Schritte im großen, weiten Internet machten. Aber es half ja alles nichts, schließlich hatte Obama es 2008 vorgemacht und nun musste man sich auch hierzulande den Anschein geben, im „neuen“ Medium der jungen Wähler zu Hause zu sein. Nicht nur in diversen Sozialen Netzwerken waren die Abgeordneten (und die, die es werden wollten) zahlreich vertreten, auch der Microblogging-Dienst Twitter wurde von den Politikern im Wahlkampf intensiv genutzt. Nach der Wahl verwaisten etliche Profile, überraschend viele Parlamentarier aber blieben dem Dienst treu: Auch über zwei Monate nach der Wahl twitterten weit über hundert Bundestagsabgeordnete regelmäßig. Und einige haben Twitter sogar wirklich verstanden. Ergebnisse einer Seminararbeit.

112 Bundestagsabgeordnete twittern. Das sind immerhin 18 Prozent der 622 MdB. In der Untersuchung wurden solche Profile berücksichtigt, die auch nach der Bundestagswahl 2009 regelmäßig Tweets absetzten und die von den Parlamentariern selbst oder ihren Mitarbeitern in deren Auftrag gepflegt wurden. Es wurden 1.074 Tweets untersucht, die von den 112 MdB-Profilen in der Woche von Montag, den 30. November bis Sonntag, den 6. Dezember 2009 (eine Sitzungswoche) veröffentlicht wurden.

Wie viel?

In absoluten Zahlen stellen die beiden sogenannten Volksparteien SPD und CDU/CSU die meisten twitternden Abgeordneten. In Relation zur Fraktionsgröße sind aber gerade Unionspolitiker bei Twitter völlig unterrepräsentiert, ähnlich wie die Linkspartei.

Twitterer- und Tweet-Anzahl in Relation zur Fraktionsgröße

Anders sieht es bei grünen und vor allem FDP-Abgeordneten aus: In ihren Fraktionen ist der Anteil an Twitterern besonders hoch. Der Dienst wird auch unterschiedlich häufig genutzt: Grüne und linke MdB twittern öfter, als ihre Kollegen aus FDP und Union.

Wann?

Dass Politiker am Wochenende weniger twittern, als unter der Woche, ist nicht überraschend und legt die Vermutung nahe, dass vor allem Dinge kommuniziert werden, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der Abgeordnetentätigkeit stehen. Doch dazu gleich mehr.

Anzahl der Tweets im Wochenverlauf

Interessanter ist, dass – gerade bei den Oppositionsparteien – das Tweetaufkommen am Donnerstag (03.12.) und Freitag (04.12.) besonders hoch war. Zur Erinnerung: An diesem Donnerstag wurde über die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr abgestimmt, wobei Verteidigungsminister zu Guttenberg im Plenum eigene Äußerungen im Zusammenhang mit der sogenannten Kunduz-Affäre korrigieren musste. Am darauffolgenden Freitag verabschiedete das Parlament das umstrittene Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Offenbar führt also eine hohe Ereignisdichte im Bundestag zu vielen Tweets von Abgeordneten. Vor allem die Opposition twittert, wenn ihr das politische Geschehen nicht passt: Für die Linke, die als einzige Partei gegen den Afghanistan-Einsatz ist, war der Donnerstag der Tag mit den meisten Tweets.

Worüber?

In Anlehnung an eine amerikanische Untersuchung habe ich die Tweets der Parlamentarier in sechs Kategorien einsortiert:

  1. Position: Tweets, in denen MdB ihre Position zu einem politischen Thema äußern. (z.B.: „Ich halte auch den Libanon-Einsatz der Bundeswehr nach wie vor für fragwürdig.“, „Bundeshaushalt wird gegen die Wand gefahren. Klientelpolitik pur.“)
  2. Medien, Link: Tweets, in denen MdB Medienberichte oder eigene Blog-Artikel und Pressemitteilungen verlinken/kommentieren. (z.B.: „Meine PM zur Militarisierung des Leipziger Flughafens: http://tr.im/GayV“, „Mein Interview zum Wachstumsbeschleunigungsgesetz von heute Morgen. In MDR Info: http://tinyurl.com/yd4utps“)
  3. Wahlkreis: Tweets über Reisen, Termine und Geschehnisse im Wahlkreis, Einladungen zu Veranstaltungen. (z.B.: „CDU Aalen: erfreulich pos Resonanz WaBeGe, nur Bedenken bei Hotellerie. Volles Haus im Grauleshof, viel Interesse an Berliner Arbeit.“)
  4. Offizielles, Bundestag: Tweets über Vorgänge im Bundestag und den MdB-Arbeitstag. (z.B.: „Schon wieder ein Hammelsprung… Regierung sagt nix genaues zu Finanzen, also zitieren wir den Minister“, „Sitzt jetzt im Ausschuss Arbeit und Soziales.“)
  5. Persönliches: Tweets aus dem Privaten und nicht kategorisierbare Tweets. (z.B.: „Habe schnell ein Tiramisu improvisiert, obwohl ich 200 g Löffelbisquit zu wenig hatte. Gehe jetzt mal kurz schlafen. Ciao!“, „Ich habe eben den Nikolaus gesehen!“)
  6. Reply: Antwort-Tweets an bestimmte Twitter-Nutzer. (z.B.: „@DerBruesseler Da sei dir mal nicht so sicher. Die Regelung ist erstmal für 1 Jahr ausgesetzt. Vlt. unterschreibt Köhler dann“, „@GuddySmith schon erledigt, allerdings per fax“)

Thematische Anteile der Tweets nach Parteien

Wie vermutet befassen sich die Tweets der MdB überwiegend mit Beruflichem. Bei allen Parteien beschäftigen sich die meisten Tweets mit dem Geschehen im Parlament und dem Arbeitstag der Abgeordneten. Besonders stark wird diese Informationsfunktion von Union und FDP genutzt. Die Abgeordneten der Regierungsparteien verstehen sich als Berichterstatter, die dem Wähler mitteilen, was auf der Agenda steht.

Es folgen Tweets über die eigenen politischen Positionen und eigene oder fremde Medienangebote, also Tweets, die direkt oder indirekt (Links oder Sendungshinweise) auf die Meinung des Abgeordneten zu einem tagespolitischen Thema hinweisen. Besonders stark treten diese beiden Kategorien von Tweets bei den Grünen auf, die Twitter in erster Linie wohl als Verbreitungsplattform für ihre Inhalte verstehen.

Gleichzeitig haben die Grünen aber auch den größten Anteil an Replys, was darauf schließen lässt, dass sie Twitter durchaus auch als Plattform für direkte Kommunikation begreifen. Ausgerechnet bei den Regierungsparteien, die Twitter dazu nutzen könnten, um dem Wähler Rede und Antwort zu stehen, ist das genau umgekehrt: sie nutzen die Reply-Funktion am wenigsten.

Nur etwa jeder achte Tweet hat persönlichen Charakter und befasst sich mit Dingen aus dem Privatleben der Abgeordneten. Der Fokus liegt also ganz klar auf der Arbeit. Zumindest auf die Politiker trifft die landläufigen Annahme nicht zu, bei Twitter gehe es vor allem um intime Einblicke in das Privatleben eines Menschen.

Thematische Anteile der Tweets nach Wochentagen

Nicht weiter verwunderlich ist der geringe Anteil an Tweets, die sich mit dem eigenen Wahlkreis befassen, da die Daten in einer Sitzungswoche erhoben wurden, in der die Abgeordneten in der Regel in Berlin sind. Betrachtet man aber das Wochenende getrennt von den Werktagen, sieht man, dass viele Abgeordnete samstags und sonntags, wenn sie aus Berlin heim gefahren sind, sehr wohl von Ereignissen im Wahlkreis twittern.

Neben den Wahlkreis-Tweets nehmen am Wochenende auch solche massiv zu, die aus dem privaten Bereich kommen. Über Offizielles aus dem Bundestag wird im Gegenzug praktisch gar nicht mehr getwittert und auch Tweets über politische Inhalte nehmen ab.

Wie erfolgreich?

Will man den Erfolg einer Partei bei Twitter mit Hilfe von Follower-Zahlen bemessen, ist Vorsicht geboten. Jede Partei hat ihre Twitter-Stars, die das Ergebnis stark verfälschen können, addiert man etwa nur alle Follower der Parlamentarier einer Partei zusammen oder errechnet man den Durchschnittswert, der auch von einem einzigen Abgeordneten enorm in die Höhe getrieben werden kann. Unanfälliger für solche statistischen Ausreißer ist der Median. Geht man nach diesem Wert, sind die Liberalen die erfolgreichsten Twitterer im Bundestag, SPD und Grüne liegen im Mittelfeld, Unions- und Links-Fraktion bilden das Schlusslicht.

Follower-Anzahl in Relation zur Twitterer-Anzahl

Gerade bei CDU/CSU, SPD und Grünen kommen die hohen Gesamt-Followerzahlen nur durch einzelne statistische Ausreißer zustande: Bei der Union sind die vier meist gefollowten Twitterer für knapp zwei Drittel der Partei-Follower verantwortlich, bei der SPD stellen die vier erfolgreichsten Twitterer immerhin die Hälfte aller Partei-Follower. Bei den Grünen wird die Hälfte der Partei-Follower sogar nur durch die beiden erfolgreichsten grünen Twitterer gestellt. Für über 4.500 Follower ist alleine Volker Beck verantwortlich – bis zur Minister-Nominierung Kristina Köhlers war er der meist gefollowte deutsche Politiker.

Fazit

Twitter wird auch nach der Bundestagswahl von den Abgeordneten genutzt – von Partei zu Partei aber auf sehr unterschiedliche Art und Weise: FDP und Grüne haben mehr Twitterer in den Fraktionen als die Linke. Und Linke und Grüne twittern häufiger als Union und FDP. Die SPD liegt in beiden Bereichen im Mittelfeld.

In erster Linie wird Twitter als Echtzeit-Informationskanal verstanden, um über den eigenen Arbeitsalltag zu berichten, aber auch um die eigene Meinung zur Tagespolitik zu äußern und auf Medieninhalte aufmerksam zu machen. Die direkte Kommunikation mit den eigenen Followern spielt – gerade für die Regierungsparteien – eine untergeordnete Rolle. Twitter wird also vor allem zum Senden und nicht zum Empfangen genutzt.

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